Social what!?

10:26 , 1 Comments

Ich bin ja jetzt (fast) fertig mit meinem Studium und werde ein „Enabler“. Unter anderem für Social Media. Nun gut, why not? So schwer ist es ja im Moment nicht da jemanden zu finden, der gerne enabled werden will. Es gibt sicher einige Unternehmen, die ein paar Buzzwords kennen und dann meinen, sie „müssen“. Weil andere machen es ja auch und jeder ist bei Facebook und ohne Twitter kann keine Kommunikation mehr funktionieren. Stimmt natürlich nicht. Und ganz ehrlich, ich höre mittlerweile einige Wörter so oft, dass es manchmal fast schon nervt. Ganz vorne dabei: Social Media, Facebook und Dialog, häufig in Verbindung mit dem erwähnten „muss“. Dicht auf den Fersen: Authentizität und Transparenz. An dieser Stelle der Hinweis auf Mirko Lange, der ja schon erfolgreich dargestellt hat, dass der „Dialog“ von Unternehmen in „sozialen“ Medien eben kein Muss ist. Nicht falsch verstehen: Ich mag Social Media, ich bin auch überzeugt von dem, was ich tue. Authentizität und Transparenz *sind* gerade im Netz in vielen Fällen von besonderer Bedeutung. Und dass es viele sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Social Media in der Unternehmenskommunikation gibt, steht außer Frage. Aber ab und an scheint mir die ganze Debatte zu oberflächlich und zu stark an einzelne Plattformen gebunden zu sein. Social Media steht in den Köpfen vieler nicht für einen Prozess oder für einen Umschwung, sondern für Facebook und zwei, drei andere Tools (großzügig geschätzt). Irgendwann wird aber niemand mehr über Twitter und Facebook reden und niemand wird mehr „Social Media“ sagen. Neue Plattformen werden kommen und gehen, die Art der Interaktionen im Netz wird sich ständig verändern (*hust*), es wird neue Hypes geben und alte werden verschwinden.

Aber eine Sache wird bleiben. Eine grundlegende Veränderung, die nicht nur für die Unternehmenskommunikation sondern für das *gesamte* Unternehmen von höchster Relevanz ist: Die Online-Kommunikation hat eine „Empfehlungswirtschaft“ zur Welt gebracht. Und die geht nicht mehr weg. Wer kauft denn bitte bei Amazon einen Artikel, der weniger als, sagen wir, vier Sterne hat? Im Gegenzug dazu haben Produkte mit fünf Sternen direkt einen ordentlichen Vertrauensvorsprung. Und da habe ich mir nur die Statistik angesehen und nicht mal die Kundenmeinungen gelesen, um tiefer in die Materie einzusteigen. Und diese Empfehlungen/Besprechungen/Kritiken/Meinungen (und mögen sie nur aus 140 Zeichen bestehen) finden ja nicht nur bei Amazon statt, sondern überall im Netz. Und dank Google und Co. kann man sie ziemlich einfach finden. Wie wird es erst sein, wenn diese Empfehlungen dank mobilem Internet auch in unserem Alltagsleben durchweg präsent sind? Wenn wir in die Bäckerei gehen, werden wir automatisch darüber informiert, wie das Brot schmeckt. Abends im Restaurant wissen wir ganz genau, warum man das Schnitzel besser nicht bestellen sollten. Und der Verkäufer einer großen deutschen Elektromarktkette hat endlich keine Chance mehr uns alte Geräte zu überteuerten Preisen zu verkaufen, weil wir dank einem kurzen Barcode-Scan besser informiert sind als er es jemals sein wird. (Anmerkung: An dieser Stelle reflektiere ich noch nicht, ob das alles so sinnvoll ist und überhaupt noch Spaß macht. Das sollte man aber sicherlich tun. Vielleicht mache ich das mal.)

Und auch wenn Dirk Songür mir jetzt auf die Finger klopft, langfristig und mit steigender Effektivität und Macht von „Empfehlungsportalen“ ala Amazon, sehe ich auch den typischen Produkt-Journalismus im Hintertreffen. Dass die Auflagezahlen der Fachpresse (gerade in Bereichen mit jungen Zielgruppen die eine hohe Web-Affinität haben) tendenziell rückläufig sind, ist nun kein Geheimnis. Das hat nicht nur aber sicher auch etwas damit zu tun, dass die Meinung eines Einzelnen einfach an Gewicht verliert. Nicht ohne Grund versuchen einige Magazine im Special Interest-Bereich durch „klassische“ journalistische Qualitäten wie spannende Reportagen und gut recherchierte Features auf andere Art Mehrwerte zu generieren.

OK, bevor ich jetzt zu weit abdrifte: Was ich viel lieber verkaufen oder „enablen“ möchte als die nächste Facebook-Fanpage, ist das grundlegende Verständnis dafür, was sich für Unternehmen dadurch verändert, dass Menschen das Medium Internet für ihre Kommunikation nutzen können. Was das für ein Unternehmen bedeuten kann. Und für die Produkte eines Unternehmens bedeuten sollte. Besonders was deren Qualität und Entstehungsgeschichte angeht. Woher Ideen kommen (können). Und wie ich mit mündigen Kunden umgehen muss, um weiterhin erfolgreich zu arbeiten.

Das ist meines Erachtens viel wichtiger als unter selbst auferlegtem Druck auf den Social Media „Hypetrain“ aufzuspringen, irgendwas auf Facebook zu machen und „den Dialog zu suchen“. Und wenn das verstanden wurde, dann rede ich auch gerne über den Sinn oder Unsinn eines Twitter-Accounts.

Matthias Bastian

Dipl. Online-Journalist, Online-Marketing-Nerd, VR-Evangelist

1 Kommentar:

  1. Till Erdenberger29. August 2010 um 12:03

    Übrigens auch ein Hasswort: "Generieren". Offensichtlich "erschafft", "erarbeitet" oder "leitet" man heutzutage nicht mehr "ab".

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