Case closed: Keine Realnamenpflicht in Blizzards Foren

Richtig schön mutig fand ich Blizzards (u.a. World of Warcraft) Ankündigung, dass die User in Blizzards Foren in Zukunft nur noch mit ihren echten Namen schreiben sollen. Ziel dieser Maßnahme sollte es sein, eine konstruktivere Kommunikationskultur zu schaffen. Blizzard geht davon aus, dass die Anonymität viele User dazu verführt, schneller in Extreme zu verfallen, was zur Folge hat, dass Gespräche häufiger entgleisen. Und das bezieht sich jetzt gar nicht mal nur auf Trolle, sondern auch schon auf den "ganz gewöhnlichen" User.
"[...] threads that are basically filled with trolling, name calling, flaming, off-topic conversations and that's just a small amount of some of the content that has been found in these forums over the years. We don't want that anymore, and we believe the Real ID change will bring about a lot of the improvement that we are hoping for." (Quelle)
Dass das vielen Usern erstmal nicht in den Kram passt, ist natürlich auch Blizzard klar. Der übliche "Shitstorm" ließ natürlich nicht lange auf sich warten. Auch klar ist aber, wenn es sich irgendjemand leisten kann solch eine Änderung *entgegen* des Willens vieler Nutzer durchzusetzen, dann Blizzard. Dafür ist deren Marktposition einfach zu stark.
"[...] and predicted that many people would no longer wish to post in the forums after this change goes live. We are fine with that, because we want to change these forums dramatically in a positive and more constructive direction." (Quelle)
"It might be scary to consider posting with your real name, in which case it might be advisable simply not to post in these forums. There’s a whole load of other forums across the internet where you’ll be able to post in a more anonymous way, and maybe you will make a useful and constructive contribution there instead." (Quelle)
Als erstes stellt sich die Frage, ob Blizzard überhaupt Recht hat mit der Annahme, dass die Umstellung auf Realnamen die Diskussionskultur positiv beeinflusst. Zu 100 Prozent lassen sich solche Dinge nicht vorher sagen. Es kommt auch immer auf das Thema und die User an. Ich denke aber: Prinzipiell ja, Realnamen können sich positiv auf die Gesprächskultur auswirken. Mit dieser Frage habe ich mich auch im Rahmen meiner Diplomarbeit bereits beschäftigt.
"[...] Anonymität und Fremdheit kann sich in Formen der „Entgrenzung“ nachhaltig – positiv wie negativ - auf die zwischenmenschliche Kommunikation auswirken. Durch fehlende soziale „Kontrollinstrumente“ realer Kommunikationsstrukturen, wie beispielsweise Gestik und Mimik oder sozialer Status (bspw. anhand der Kleidung), können User von virtuellen Communitys soziale Grenzen schneller und sicher auch ungehemmter überschreiten als es in der realen Welt möglich ist. Dies kann dazu führen, dass „virtuelle Kommunikationsformen“ übertrieben freundlich-euphorisierend oder unfreundlich-kritisierend sein können." (Bastian 2010, Download hier)
Realnamen verpflichtend zu machen ist eine Möglichkeit, ein solches "soziales Kontrollinstrument" wieder verfügbar zu machen. Naiv beschrieben könnte es also das Phänomen "soziale Entgrenzung" eindämmen und somit für eine gediegenere Gesprächskultur sorgen. Viele von uns sind ja regelmäßig auf Facebook unterwegs und ich habe schon den Eindruck, dass die User dort tendenziell vorsichtiger und zurückhaltender sind im Vergleich zu so einigen Message-Boards. Natürlich sind hier stets der soziale Background, das Thema und die Umstände entsprechend zu berücksichtigen.

Sehr schade also, dass Blizzard nun doch (zumindest teilweise) eingeknickt ist. Ich hätte sehr gerne gesehen, wie und ob dieses Experiment funktioniert hätte.

Welche Frage mich nun umtreibt: Wovor haben die ganzen WOW- und *Irgendwas*-Zocker so unglaubliche Angst? Wenn ich Auto fahre, habe ich ein Nummernschild (übrigens, mir scheint es, dass auch im Autoverkehr schon soziale Entgrenzung stattfindet, sogar mit Nummernschild...stellt euch mal vor was ohne los wäre...). Gehe ich in den Sportverein ('ne reale Community, quasi), dann mache ich das auch mit meinem echten Namen. Und wenn Daniel Langwasser den Community-Stammtisch organisiert, dann lädt er auch nicht als "Dani666" ein. Also, wo hängt's, liebe Gemeinde? Insbesondere wenn man bedenkt, dass die Beteiligung in den off. Blizzard-Foren ja absolut optional ist und es mehr als genug Ausweichmöglichkeiten für die Freunde der Anonymität gibt.

Mir ist klar, dass es gewisse Themen gibt, die man *nur* Anonym besprechen will. Es gibt ja auch im echten Leben *anonyme* Treffen. Warum das ausgerechnet bei Blizzard-Produkten der Fall sein soll, leuchtet mir aber nicht ein. Klar habe ich da eine Vorstellung, warum man sich daran stören könnte - ein bisschen unehrlich finde ich es aber schon. Und ja, ich weiß auch, dass das Internet eine andere Reichweite hat. Aber mal ehrlich, hätte Blizzard die Nummer durchgezogen, wer wäre dann geblieben? Genau: Die User, die zu ihrem Hobby und ihren Aussagen stehen können und wollen.

Und das Argument, dass User "vor sich selbst" geschützt werden müssen, da sie die Risiken falsch einschätzen (wie weit verbreiten sich meine Beiträge, bin ich googlebar etc.) lasse ich natürlich gelten. Denn es ist ein gutes Argument. Aber: Ich glaube nicht, dass es den meisten Usern, die sich über Blizzard beschwert haben, wirklich darum geht. Soviel Altruismus nehme ich dann doch niemandem ab. Und darüber hinaus kann das nicht auf ewig eine Entschuldigung sein.

Matthias Bastian

Dipl. Online-Journalist, Online-Marketing-Nerd, VR-Evangelist

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