Internetforen vs. Social Networks

Nehmen wir mal an: das Social Network ist Facebook, das Internetforum ein ganz gewöhnliches WBB-Board ohne Portal oder ähnliches. Beide sind letztlich, wenn man es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner schrumpft, einfach nur Netzwerke/Anwendungen, die virtuelle und (halb)öffentliche Kommunikation ermöglichen. Aber in der gefühlten Nutzung sind sie doch sehr unterschiedlich.

Erster gewichtiger Punkt: In Internetforen schreibe ich meist anonym bzw. unter eine Pseudnoym, in Facebook schreibe ich als ich selbst. Das prägt allein schon die Art und Weise was man sagt, wie man es sagt und zu wem man es sagt ganz maßgeblich. Weiter: In Facebook steht der Mensch im Vordergrund, ich selbst bin das Inhaltsverzeichnis meines Gesichtsbuchs. Und ich bestimme meine eigenen Unterkapitel. Und solange ich meine Seite auch ordentlich abschließe, bestimme ich darüber, wer seinen Senf zu diesen Unterkapiteln geben darf und wer nicht. Ich bin also nicht nur Themensetzer, sondern auch Administrator und Moderator. Das ganze ist genau genommen eigentlich einem Weblog ähnlich, nur klicki-bunti und mit Zeichenbegrenzung. Auch eine „Blogosphäre“ ist prinzipiell ein soziales Netzwerk wie Facebook, nur offen und deutlich komplexer.

In Internetforen ist normalerweise das Gegenteil der Fall. Ich moderiere nicht, sondern werde moderiert. Ich gründe nicht meine eigene Gemeinschaft, sondern werde Teil einer bestehenden Gruppe. Wenn ich es nicht will, werde ich nicht erkannt. Das Inhaltsverzeichnis existiert schon, meist mit Unterkapiteln. Dazu passend darf ich dann fragen oder kommentieren. Das Thema ist bereits gesetzt und - jetzt kommt der Knackpunkt - die Leute, die dort sind, sind nicht "einfach nur so da", sondern um über dieses Thema zu sprechen. Der eigentliche Nutzwert hinter einem Internetforum ist zumeist deutlich konkreter als der eines generischen Facebook-Accounts. Erstens: informieren, zweitens: sozialisieren. Ich weiß, warum ich mich dort anmelde und was ich in dem Forum will. Ich bin mir nicht sicher, dass das bei allen Facebook-Usern der Fall ist.

"Aber aber aber" werden jetzt einige sagen - ja, auch Facebook hat Gruppen und Fanpages, also quasi Mikro-Communitys im Social Network. Und ja, diese Gruppen haben auch Diskussionsforen. Aber mal ehrlich - zumindest ich habe bisher noch keine Gruppe gesehen, in der diese Foren wirklich toll funktionieren (es wird sicher welche geben). Entweder sind sie tot oder überlaufen, unmoderiert und unstrukturiert. Hier muss und wird Facebook in vielerlei Hinsicht noch aufholen. Etwas besser klappt das übrigens schon bei Xing. Das hat sicherlich etwas damit zu tun, dass auch bei Xing der eigentliche Nutzen der Community wesentlich konkreter ist und der User seinen thematischen Hintergrund schon bei der Anmeldung in den Vordergrund stellt.

Obwohl in Internetforen der thematische Schwerpunkt dem sozialen Faktor übergeordnet ist und die meisten User anonym sind, fühlt es sich häufig so an, als ob der Zusammenhalt in einer solchen Community dennoch wesentlich ausgeprägter ist als in "sozialen Netzwerken". Gründe? Matias Roskos über Internetforen: "Ihre Communitys sind meist über einen viel längeren Zeitraum gewachsen. Und durch den hohen Grad der Interaktion sind die Strukturen viel enger und gefestigter wie bei den täglich um mehrere tausend Mitglieder wachsenden Social Networks."

In diesem Zuge wundert es mich ab und an, dass soviel über "Social Networks" gesprochen wird, aber Internetforen offenbar schon quasi Vergangenheit sind. Persönlich gehe ich davon aus, dass die Art des Austauschs, wie er in Internetforen stattfindet (gerade weil er anonym ist!), unersetzlich ist und einen speziellen Reiz der Online-Kommunikaton ausmacht. Internetforen haben noch immer den Charme der frühen Netz-Tage, in denen Chat-Communitys noch super „in“ waren - völlig fremden Personen begegnen, ohne Angst vor Konsequenzen emotional diskutieren und sich austauschen, sich kennen lernen - und das bei einem sehr hohen Nutz- und Informationswert. Es geht um Dialog, nicht um endlose Tweet-Monologe und unkommentierte Facebook-Einträge. Zumindest ein paar deutsche Webuser scheinen das ähnlich zu sehen. Facebook wird aufgrund fehlender Anonymität nicht die gleiche Form der Kommunikation erreichen können, Twitter liegt irgendwo dazwischen, ist aber in der Handhabe für Dialoge deutlich unpraktischer. Mal schauen, was die Zukunft so bringt. Ein Forensterben wäre bedauerlich.

Matthias Bastian

Dipl. Online-Journalist, Online-Marketing-Nerd, VR-Evangelist

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